Als der Beat ins Freigericht kam

Jugenderinnerungen – Teil 3: Das waren noch Zeiten – Die Sechziger

          von Peter Müller

Dies ist die Geschichte des interessantesten und vielleicht wichtigsten Teils meines Lebens. Darum erzähle ich sie aus meinen Erinnerungen und nach Erzählungen und Gesprächen mit noch lebenden Musikerfreunden, die sich alle gerne an diese tolle Zeit in den Sechzigerjahren bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts und darüber hinaus erinnern. Die Musik hat uns geprägt. Ich schreibe sie für alle, die mehr über die Geschichte und Entwicklung der Beatmusik im Freigericht erfahren möchten. Es ist die subjektive Beschreibung der Ereignisse aus meiner Sicht, soweit ich mich erinnern kann und wie ich sie erlebt habe.

Vor 60 Jahren begann auch im Freigericht das Beatzeitalter

Vor 60 Jahren, am Freitag, dem 13. April 1962, öffnete der Starclub in Hamburg St. Pauli. Statt Schlagermusik waren hier Rock ‘n‘ Roll und Beat angesagt. Auf der Bühne standen am ersten Abend auch die noch unbekannten Beatles.

Das provokante Plakat zur Eröffnung war schon bald in aller Munde: „Die Not hat ein Ende! Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei.“ Mit Dorfmusik war Schlagermusik gemeint, die in Radio und Fernsehen den Ton angab. 

Die britische „Beat-Invasion“  

Anfang der 1960er-Jahre entstand in den Arbeitervierteln von Liverpool, Manchester und Newcastle die Beatmusik (vom Englischen to beat = schlagen). Liverpool wurde zum Zentrum der Beatbewegung, die sich wie ein Lauffeuer auf dem europäischen Kontinent ausbreitete. Man sprach vom speziellen „Mersey-Sound“, benannt nach dem Fluss, an dem Liverpool liegt. Für die Jugendlichen in der Stadt mit der höchsten Arbeitslosigkeit und dem niedrigsten Lebensstandard im Land bedeutete die Beatmusik die Chance, dem tristen Alltag zu entfliehen. Überall bildeten sich Schülerbands, die ihre ersten Auftritte in kleinen Clubs und Pubs hatten. 

Der Unterschied zum Rock ‘n‘ Roll der 50er-Jahre war allein schon ein optischer. Denn aus Geldmangel spielten die Bands in ihrer Straßen- und Arbeitskleidung. Und auch musikalisch gab es einen entscheidenden Unterschied: Der erste Ton von vier Takten wurde betont und geschlagen. Dadurch entstand eine neue Rhythmusfolge. Dieser Beat traf den Nerv der Jugendlichen. 

Die ersten Beatkonzerte wurden veranstaltet, die Musik der Bands wurde allmählich zu einem Massenphänomen. 

Der britische Radiosender BBC entdeckte den Trend der Zeit und übertrug die ersten Livekonzerte von Beatgruppen. Man kann resümieren, ein globaler Siegeszug eines neuen Musikstils begann. Die Hysterie schwappte über auf das europäische Festland, und auch im Freigericht und in der Umgebung entdeckten Bands den neuen Stil für sich, wie ich es schon im zweiten Teil meiner Ausführungen für die Band „ 5 Lappins“ beschrieben habe. 

Neue Bandgründungen ließen im Freigericht nicht mehr lange auf sich warten, denn biedere Tanzmusik war bei den jungen Musikertalenten nicht mehr angesagt; man wollte es den neuen Idolen nachmachen.

Les Troubadours

In Neuses wurde 1963 eine Band namens „Les 5 Troubadours“ gegründet. Engelbert Dornhecker war die treibende Kraft. Er spielte ein „Hohner Clavinet“ und war ein begeisterter Sänger, der später auch Orgel spielte wie sein älterer Bruder Burkhard.

Der Junge mit der Blechtrommel

An die folgende Geschichte kann ich mich noch genau erinnern, als wenn es gestern gewesen wäre. Mein Freund Josef Streb und ich waren immer auf der Suche nach Gleichgesinnten, die wie wir täglich im stillen Kämmerlein die Gitarrensaiten malträtierten ..., 

The Scotsmen Group

Die zentrale Gitarrenschule in Somborn in den frühen Sechzigern befand sich in der Buchbergstraße in der Schneiderei von Ottmar Weigand, der für alle späteren Gitarristen der heimischen Beatbands als Gitarrenlehrer fungierte. 

Er selbst spielte Gitarre und Bass. Nach getaner Arbeit in seiner Schneiderei verwandelte er die Räumlichkeit in ein Musikstudio. Er besaß einige Gitarren- und Bassverstärker. Eine Gesangsanlage, Mikrofone und ein Schlagzeug waren auch vorhanden. Er hatte großen Anteil daran, dass die Beatmusik im Freigericht und das Erlernen der entsprechenden Instrumente so forciert wurden, obwohl er selbst schon die zweite Hälfte der Fünfzig erreicht hatte. Reinhard Demel von den „5 Lappins“, Josef Streb und  Peter Müller, bekannt von den späteren „Guess Who“, erlernten bei Ottmar das Gitarrenspielen.

Guess Who – Die wilden Sechziger

Junge Rock ‘n‘ Roller und Beatmusiker bekamen nun eine Waffe in die Hand, mit der man die sture Erwachsenenwelt aufmischen konnte: die Elektrogitarre. Es war eine verdammt tolle Zeit! Wir konnten in der Musik fast alles machen. Das taten wir auch.

So übten wir erst jahrelang im stillen Kämmerlein, hörten Songs am Plattenspieler, um deren Texte zu entziffern, und versuchten, die gespielten Akkorde zu erkennen und nachzuspielen. Als wir uns reif genug fühlten, auf die Bühne zu gehen, Josef Streb und ich, suchten wir einen fähigen Schlagzeuger. 

Unsere Wahl fiel auf den jungen Burkard Pinkert, in dessen Elternhaus wir auch unter dem Beifall seiner Oma proben konnten. Fehlte nur noch ein Bassist. Um diese Lücke zu schließen, erklärte sich unser Gitarrenlehrer Ottmar Weigand im Sommer 1964 bereit, diesen Part zu übernehmen.

Beim Pfarrjugendtreffen im Saal der Gaststätte „Zum Freigericht“ in Somborn konnten wir unsere Bühnentauglichkeit mit einfachen technischen Hilfsmitteln unter Beweis stellen. Und es klappte ganz gut. Das Publikum unterstützte uns und tobte.